Denk- und Arbeitsansatz

Embodiment Gap

Wenn KI immer mehr übernimmt: Wie bleiben wir menschlich und resilient?

Für Menschen, die mit KI arbeiten.

IZwei Welten

Ich bewege mich gerade zwischen zwei sehr unterschiedlichen Erfahrungswelten.

Mit KI

Die Aufmerksamkeit läuft voraus.

Ich nutze KI intensiv. Ich entwickle, experimentiere, verfolge Ideen und erlebe, wie sich meine Möglichkeiten erweitern. Eine Antwort führt zur nächsten Frage, ein Ergebnis macht ein neues Vorhaben denkbar. Dinge, für die ich früher Hilfe oder viel Zeit gebraucht hätte, sind plötzlich erreichbar.

Das begeistert mich.

Im Körper

Die Aufmerksamkeit kommt an.

In meiner Ausbildung in bewegungsorientierter Körperarbeit übe ich Erdung, Atmung, Entschleunigung. Ich nehme wahr, was gerade da ist: den Boden unter den Füßen, eine Bewegung, Spannung, den Atem, den Kontakt zu einem anderen Menschen.

Wenn ich langsamer werde, wird anderes zugänglich.

Diese Gleichzeitigkeit ist mein Ausgangspunkt. Mich interessiert, wie beides zusammenfindet – und was passiert, wenn das Verhältnis kippt.

IIDie große Frage

Was heißt es, Mensch zu sein, wenn KI unser Menschsein in Frage stellt?

Wir entwickeln unser Selbstverständnis auch durch das, was wir tun. Wir lernen etwas, überwinden Schwierigkeiten, werden für unsere Fähigkeiten gebraucht und erleben, dass unser Handeln einen Unterschied macht.

Wenn KI schreibt, gestaltet, analysiert, plant und Entscheidungen vorbereitet – oft schneller und manchmal besser als wir –, verändern sich genau diese Erfahrungen.

  • Woraus beziehen wir Zutrauen in unsere eigenen Fähigkeiten?
  • Woher kommen Anerkennung und Orientierung?
  • Welche Erfahrungen müssen wir weiter selbst machen, um zu lernen und uns wirksam zu erleben?

Mich interessiert nicht nur, was dabei verloren gehen kann. Sondern welche Praxis unser Menschsein bewahrt – und ein neues möglich macht, das resilient ist.

IIIEine Sekunde, ein Leben

Manches passiert in einer Sekunde. Und bleibt ein Leben lang.

Das System liefert ein Ergebnis.

Ich verstehe und bewerte es.

Ich treffe die Entscheidung und trage sie.

Was sie aus mir und anderen macht.

Schematische Zeitskala, keine Messung.

Systeme produzieren in Sekunden Ergebnisse, für deren Verständnis und Bewertung wir deutlich länger brauchen. Und was eine Entscheidung mit Menschen macht, mit Beziehungen, mit dem Vertrauen in einem Team, entfaltet sich über Jahre.

Je mehr wir Agenten beauftragen, Ergebnisse prüfen und neue Prozesse anstoßen, desto mehr bestimmen die Systeme mit, in welchem Takt wir leben. Wie behalten wir darin eigenen Spielraum?

IVDer Sog

Wenn Begeisterung zum Sog wird.

Bei Menschen, die KI intensiv nutzen, sehe ich Neugier und produktive Vertiefung. Und manchmal etwas Getriebenes. Menschen verschwinden in einem Tunnel. Die nächste Antwort, die nächste Verbesserung, die nächste Möglichkeit hält sie fest. Was nehmen wir dabei noch von uns wahr? Merken wir Müdigkeit, Anspannung, den Wunsch nach Bewegung und Begegnung? Können wir aufhören, obwohl noch viel möglich wäre?

Das Tückische: Der Sog fühlt sich sinnvoll an. Wir lernen, entwickeln, lösen Probleme. Gerade deshalb lohnt die Frage, wann uns die Arbeit stärkt und wann sie anfängt, unseren Rhythmus zu bestimmen.

Manches wirkt auf mich suchtähnlich. Das ist eine persönliche Beobachtung, keine Diagnose.

Was die Forschung beginnt zu zeigen

  • MIT Media Lab und OpenAI · 4 Wochen · 981 Teilnehmende

    Wer einen Chatbot freiwillig intensiver nutzt, hat eher ungünstigere Werte bei Einsamkeit, emotionaler Abhängigkeit und problematischer Nutzung. Ein Zusammenhang, keine nachgewiesene Ursache. Studie

  • UC Berkeley · 8 Monate · ein Unternehmen

    Mit KI übernahmen Beschäftigte mehr Aufgaben, arbeiteten parallel und zogen Arbeit in ihre Pausen. Der einzelne Schritt wurde leichter, der Tag dichter. Untersuchung

  • Befragung · Studierende in China

    Zusammenhänge zwischen problematischer KI-Nutzung, Schlafproblemen und psychischer Belastung. Für körperliche Langzeitfolgen fehlen belastbare Befunde. Studie

Offen bleibt, was mich am meisten interessiert: Wie erleben Menschen das körperlich? Und was hilft ihnen, selbstbestimmt und resilient zu bleiben?

VDie Lücke

Embodiment Gap

Schema: die Lücke zwischen KI und Mensch Die Möglichkeiten der KI wachsen steil. Die körperlichen, emotionalen und sozialen Bedingungen, unter denen wir Veränderung verarbeiten, wachsen langsam. Der Abstand dazwischen ist der Embodiment Gap. Zeit Was KI möglich macht Was wir als Menschen verarbeiten können
Schematisch, keine Messung.

Die eine Bewegung

KI wird schneller, vielseitiger, kreativer. Was gestern ein Forschungsprojekt war, steckt heute in der Software, mit der wir jeden Tag arbeiten.

Die andere Bewegung

Unsere Fähigkeit, das zu verarbeiten, wächst langsamer. Sie hängt an körperlichen, emotionalen und sozialen Bedingungen. Sie entsteht durch Erfahrung, nicht durch ein Update.

Dazwischen

Mit Embodiment Gap bezeichne ich die Spannung zwischen den wachsenden Möglichkeiten künstlicher Intelligenz und den körperlichen, emotionalen und sozialen Bedingungen, unter denen wir Menschen diese Veränderung verarbeiten und gestalten können.

Die Forschung zu Embodied Cognition, zu Mensch-KI-Zusammenarbeit und die lange Praxis der Körperarbeit liefern dafür viel. Was fehlt, ist die Verbindung – so, dass daraus Orientierung für den Alltag entsteht.

Im Kern

Wie erhalten wir unser Menschsein – und wie entwickeln wir es weiter?

Unsere Resilienz, unsere Beziehungen, unsere Fähigkeit zur eigenen Wahrnehmung. Das Gefühl, das eigene Leben mitgestalten zu können. Wie wir mit KI arbeiten, folgt daraus.

VIWas folgt

Resilienz ist keine Privatsache.

Sie entsteht im Zusammenspiel persönlicher Fähigkeiten, tragfähiger Beziehungen und gestaltbarer Arbeitsbedingungen. Deshalb gehört sie auch in die Verantwortung von Führung und Organisationsentwicklung.

Wenn du führst

Den eigenen Zustand wahrnehmen
Merken, wann Begeisterung in Getriebenheit kippt und ob Erholung wirklich stattfindet. Der Körper meldet das oft früher als der Kopf.
Urteilskraft halten
Auch eine überzeugende KI-Empfehlung braucht Prüfung. Dafür braucht es Zeit und einen eigenen Entscheidungsrhythmus gegen das Tempo des Systems.
Identität begleiten
Wenn sich Tätigkeiten verändern, verändert sich, worauf Menschen stolz sind. Führung schafft Räume, in denen das gesagt werden kann.
Bedingungen gestalten
Gewonnene Zeit füllt sich sofort. Ob KI entlastet oder verdichtet, entscheiden Erwartungen, Erreichbarkeit, parallele Stränge und Pausen.
Begegnung ermöglichen
Je mehr Arbeit über Systeme läuft, desto bewusster braucht es Gelegenheiten, Unsicherheit zu teilen und Entscheidungen gemeinsam zu verstehen.

Was ich entwickeln möchte

Ich will praktisch erproben, wie Erdung, Atmung, Bewegung, Reflexion und Begegnung Menschen im Umgang mit KI unterstützen. Was hilft, den Sog zu bemerken, den eigenen Rhythmus wiederzufinden und bewusst zu entscheiden? Und was müssen Arbeitsweisen und Organisationen dafür ändern?

  • Erdung
  • Atmung
  • Bewegung
  • Reflexion
  • Begegnung

Daraus entstehen Gespräche, Essays und erfahrungsorientierte Formate für Führungskräfte und Teams.

VIIMein Blick

Vier Welten, die in meiner Biografie zusammenkommen.

Organisationsentwicklung

Seit fast zwanzig Jahren begleite ich Menschen und Organisationen in Veränderung: Strategie, Kultur, Identität, Führung, Gruppen. Neue Arbeitsweisen hängen eng an Zugehörigkeit, Anerkennung und dem Gefühl, etwas zu bewirken.

Kulturwissenschaft

Mich interessiert, wie Technologien unser Bild von Leistung, Fortschritt und menschlichem Wert prägen. Was gilt als gute Arbeit? Welches Tempo wird selbstverständlich? Welche Fähigkeiten geraten aus dem Blick?

KI-Praxis

Ich kenne KI aus intensiver eigener Anwendung und Entwicklung. Ich kann mich auf technische Fragen einlassen, Möglichkeiten erkunden und einschätzen, was sie praktisch bedeuten.

Körper und Erfahrung

Theater, Game Thinking, körperliches Lernen und meine laufende Ausbildung in bewegungsorientierter Körperarbeit öffnen einen weiteren Zugang: über Bewegung, Wahrnehmung und Beziehung.

Ich kann mich für ein Agentensystem begeistern und gleichzeitig spüren, wie sich die Arbeit damit anfühlt. Darin sehe ich meinen Beitrag: diese Welten zu verbinden und daraus gemeinsam mit anderen eine Praxis zu entwickeln.

Die Frage

Wie nutzen wir, was KI möglich macht – und stärken zugleich, was uns als Menschen Halt gibt?

Dieser Frage widme ich mich mit Embodiment Gap. Wenn sie dich auch beschäftigt, lass uns reden.

Quellen und Weiterlesen